top of page

Zuerst der Bauch. Dann der Kopf.

Autorenbild: Robert Nef
Robert Nef
vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Ich habe hin und her überlegt, ob ich dieses Thema überhaupt ansprechen soll. Denn aus der Logik heraus heisst Unternehmertum zuerst einmal: Mathematik, Budget und Businessplan.


Das zumindest heisst es für Banken und Investoren.


Der Businessplan soll möglichst genau auf die nächsten fünf Jahre erstellt werden. Das Budget möglichst realistisch auf mindestens drei Jahre hinausgerechnet. Und sämtliche Eventualitäten bitte auch noch einrechnen.


So bescheuert!


Kaum sind die Zahlen abgegeben, haben sich die Fakten schon wieder verändert. Der Dieselpreis schiesst unverhofft in die Höhe, ganze Länder werden über Nacht geschlossen, Lieferketten brechen zusammen.


Aber hey! Hauptsache, das Budget ist eingereicht.


Und nicht selten sind diese Businesspläne am Ende für den Müll.


„Glaube nie einer Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast.“


Fakt ist doch einfach: Unternehmertum läuft nicht so.


Und jeder, der mir hier widerspricht, sollte sich einmal überlegen, wie lange eine Firma überlebt, die sich unabhängig von den äusseren Begebenheiten strikt an ihren Businessplan hält – nur um Banken und Aktionäre zufriedenzustellen.


Aber vielleicht beginnt das Problem schon viel früher.


Denn genau diese Reihenfolge wird uns nicht beigebracht.


In der Schule werden wir mit Zahlen, Fakten und Regeln bombardiert. Später im Studium geht es weiter.


Analysieren. Berechnen. Belegen. Beweisen. Strukturieren.


Wir lernen, logisch und rational zu denken.


Wir lernen, Antworten zu finden.


Und wir lernen vor allem eines: Fehler möglichst zu vermeiden.


Das ist zweifellos wichtig. Aber irgendwo auf diesem Weg passiert etwas Seltsames.


Unser Bauch wird leiser.


Unsere Intuition wird zur Nebensache. Ein Gefühl ist schliesslich kein Beweis. Eine Idee lässt sich nicht immer berechnen. Und eine Entscheidung aus dem Bauch heraus klingt im Sitzungszimmer schnell einmal unprofessionell.


Also lernen wir, dem Kopf zu vertrauen.


Dabei sind wir überhaupt nicht zwei voneinander getrennte Systeme.


Wir sind eine Einheit.


Der Bauch hat die Idee. Der Kopf prüft, ob sie funktionieren kann.
Zwischen Bauchgefühl und Zahlen liegt der Raum, in dem Unternehmertum entsteht.

Körper und Geist stehen permanent miteinander in Verbindung. Bewusst und unbewusst. Sie nehmen wahr, verarbeiten, bewerten und reagieren. Und aus diesem Zusammenspiel entstehen Gedanken und Emotionen.


Manchmal kommt zuerst das Gefühl und erst danach der Gedanke.


Manchmal denken wir etwas und spüren erst anschliessend, was es mit uns macht.


Die Sprache des Gehirns sind Gedanken.


Die Sprache des Körpers sind Emotionen.


Und irgendwo dazwischen arbeitet etwas, das wir nicht ständig bewusst steuern können: unser Unterbewusstsein.


Es nimmt Erfahrungen auf. Es erkennt Muster. Es reagiert auf Situationen, noch bevor wir sie vollständig analysiert haben. Und manchmal sagt uns unser Bauch deshalb etwas, lange bevor unser Kopf die passenden Argumente dafür gefunden hat.


Das bedeutet nicht, dass der Bauch immer recht hat.


Aber es bedeutet, dass wir ihm zuhören sollten.


Denn Intuition ist nicht das Gegenteil von Vernunft. Sie ist vielmehr ein Teil unserer Wahrnehmung.


Und genau diese Wahrnehmung haben wir uns im Laufe unseres Lebens teilweise abtrainiert.


Wir werden nach einem Schema ausgebildet, erzogen und grossgezogen, das uns Sicherheit geben soll.


Nur: Unternehmertum funktioniert nicht nach Schema.


Gerade in der Gründungsphase ist ein Unternehmen zuerst einmal eine Idee.


Und diese Idee entwickelt sich.


Nicht über Nacht. Sondern durch reale Erfahrungen, Fehltritte und Erfolge. Durch Begegnungen, Gespräche, Zufälle und manchmal auch durch Dinge, die überhaupt nicht so funktionieren, wie man sie ursprünglich geplant hat.


Erstaunlicherweise trifft das nicht nur auf junge Unternehmen zu.


Denn genau darum geht es doch im Unternehmertum: die Freiheit zu haben, Visionen und Ziele auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen.


Und dafür braucht es manchmal etwas, das in keiner Excel-Tabelle steht:


Intuition.


Dieses Gefühl, dass etwas richtig ist, obwohl man es noch nicht beweisen kann.


Den Mut, eine Idee zu verfolgen, bevor alle Zahlen dafür sprechen.


Die Bereitschaft, einen Weg einzuschlagen, obwohl noch niemand garantieren kann, dass er funktioniert.


Ja. Es stimmt.


Ohne klare Strukturen, ohne saubere Buchhaltung und ohne Menschen, die ein Auge für Zahlen haben, ist eine Firma langfristig dem Untergang geweiht.


Aber ohne Visionen und Ideen eben auch.


Und diese kommen zuerst.


Es gibt genügend „Realisten“, die einen wieder auf den Boden zurückholen. Menschen, die sofort erklären können, warum etwas nicht funktionieren wird.


Doch die Initialzündung liegt in der Vision.


In der Freude.


In der Leidenschaft, die entsteht, wenn eine neue Idee geboren wird.


Sie lässt ein Unternehmen manchmal auch dann weitermachen, wenn die Liquidität momentan knapp ist. Wenn mit dem vorhandenen Kapital jongliert werden muss. Wenn ich als Firmeninhaber mir den Lohn gerade nicht auszahlen kann.


Vielleicht bin ich allerdings nicht wirklich der Richtige, um darüber zu schreiben.


Denn ich hatte in der Vergangenheit zu viele Ideen und zu wenig Realisten.


Oder sagen wir besser: zu wenig ideenreiche Realisten.


Meine Leidenschaft und meine Visionen haben mich nicht selten blind für die Zahlen gemacht.


Das Resultat: Scheitern.


Heute sehe ich es nach wie vor so, dass Vision und Leidenschaft überwiegen müssen.


Aber es braucht eben auch den Kontrolleur.


Die Instanz, die einem immer wieder auf die Zahlen aufmerksam macht. Manchmal auch eine Instanz, die einem den Kopf so richtig wäscht. Und die eine oder andere Idee zerstört.


Und genau deshalb habe ich für meinen Teil gelernt:


Mein Treuhänder ist einer meiner engsten Verbündeten.


Ich darf spinnen, kreieren und schaffen.


Ich darf Ideen entwickeln, Wege ausprobieren und auch einmal falsch liegen.


Während auf der anderen Seite der Treuhänder dafür sorgt, dass die Buchhaltung aufgeht, die Mehrwertsteuer pünktlich bezahlt wird und die AHV-Beiträge nicht vergessen gehen.


Er holt mich zurück auf den Boden, wenn ich abhebe.


Und genau diese Kombination schafft Freiheit.


Zuerst der Bauch. Dann der Kopf.


Nicht weil der Kopf unwichtig wäre.


Ganz im Gegenteil.


Aber weil der Kopf nicht immer derjenige sein muss, der den ersten Schritt macht.


Der Bauch darf eine Idee haben.


Der Kopf darf sie prüfen.


Der Bauch darf träumen.


Der Kopf darf rechnen.


Der Bauch darf sagen: Das könnte funktionieren.


Und der Kopf darf antworten: Dann schauen wir jetzt einmal, wie.


Denn ohne Bauch gibt es keine Vision.


Und ohne Kopf wird aus der Vision irgendwann ein Problem.


Amen.

 
 
 

Kommentare


bottom of page