Manchmal ist Unternehmertum einfach: Trotzdem.

13.54 Uhr
Es ist Sonntag Nachmittag.
Ich bin müde.
Und ehrlich gesagt: ziemlich unmotiviert.
Den ganzen Morgen habe ich die Buchhaltung von NeRo-Conseiller nachgearbeitet. Belege sortieren, Zahlen kontrollieren, Dinge nachtragen, die man irgendwann einmal "noch schnell" erledigen wollte und die sich dann erstaunlicherweise doch nicht von alleine erledigt haben.
Jetzt sitze ich vor meinem Computer.
Der Blogartikel ist dran.
Und während ich auf den Bildschirm schaue, denke ich eigentlich an etwas ganz anderes.
Ich würde jetzt nämlich viel lieber ein Buch lesen.
Draussen.
In der Sonne.
Am See.
Einfach sitzen. Lesen. Vielleicht einen Kaffee trinken. Nichts erledigen müssen. Keine Mails. Keine Zahlen. Keine Termine. Keine To-do-Liste.
Das wäre jetzt schön.
Sehr schön sogar.
Aber ich sitze hier.
Vor dem Computer.
Und schreibe diesen Artikel.
Warum?
Weil ich einen Plan habe.
Und weil ich genau weiss, was passiert, wenn ich diesen Plan heute nicht einhalte.
Ich werde diese Aufgabe überspringen.
Nicht dramatisch. Nicht einmal besonders bewusst.
Ich werde mir sagen: "Heute geht es einfach nicht. Nächste Woche hole ich das nach."
Nur: Nächste Woche ist bereits ziemlich voll.
Und wenn ich ehrlich bin, weiss ich jetzt schon, dass ich dann wahrscheinlich nicht dazu kommen werde, diesen Artikel nachzuschreiben.
Dann kommt vielleicht die nächste Aufgabe, die nicht ganz in den Plan passt.
Auch diese werde ich überspringen.
Und beim zweiten Mal ist es bereits einfacher als beim ersten Mal.
Immer noch mit einem kleinen mulmigen Gefühl.
Aber einfacher.
Und wenn ich das einige Male mache, passiert etwas viel Gefährlicheres:
Ich schmiede weiterhin Pläne.
Ich nehme mir weiterhin Dinge vor.
Aber ich halte meine eigenen Pläne nicht mehr ein.
Damit entsteht eine Gewohnheit.
Nur leider die falsche.

14.25 Uhr
Ich bin immer noch müde.
Und immer noch nicht besonders motiviert.
Aber ich schreibe.
Und während ich schreibe, denke ich über mein Unternehmertum nach.
Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich unbedingt den Kick gesucht habe.
Den Abschluss.
Diesen einen Moment, in dem ein grosses Geschäft zustande kommt und man denkt:
"Geil. Das Ding ist durch."
Das war ein riesiger Motivator.
Und ganz ehrlich: Ein grosser Abschluss ist auch geil.
Er gibt Energie. Er bestätigt Dich. Er zeigt Dir, dass sich die Arbeit gelohnt hat.
Aber wenn irgendwann nur noch dieser Moment zählt, geht etwas verloren.
Die Details.
Die Kleinigkeiten.
Die Prozesse.
All das, was auf dem Weg zum Abschluss eigentlich erledigt werden muss.
Ich stelle mir das manchmal wie beim Hausbau vor.
Wenn ich nur noch das fertige Haus sehen will und möglichst schnell einziehen möchte, kann ich plötzlich anfangen, jene Dinge als hinderlich zu betrachten, die ich eigentlich bewusst eingeplant habe.
Das Fundament.
Die Leitungen.
Die Statik.
Die Abdichtung.
Alles Dinge, die später kaum jemand sieht.
Aber genau diese Dinge entscheiden darüber, ob das Haus am Ende steht.
Und so ist es auch im Unternehmertum.
Die grossen Abschlüsse sind die Kirsche auf dem Kuchen.
Aber vorher muss der Kuchen gebacken werden.
Und dieser Kuchen besteht aus Fleissarbeit.
Aus Disziplin.
Aus Wiederholung.
Aus Gewohnheiten.
Aus den vielen kleinen Aufgaben, die sitzen müssen.
Nicht irgendwann.
Sondern immer wieder.
Vielleicht ist das die Seite des Unternehmertums, über die ich mit dieser Artikelreihe schreiben möchte.
Nicht über die Hochglanzgeschichten, die wir täglich auf Instagram oder anderen Plattformen sehen.
Nicht nur über den grossen Erfolg.
Nicht nur über den Moment, in dem alles funktioniert.
Sondern über das, was dahinter passiert.
Wie sich Unternehmertum "live" anfühlt.
Der Sonntag Nachmittag.
Die Buchhaltung.
Die Müdigkeit.
Der fehlende Antrieb.
Die Aufgaben, auf die man keine Lust hat.
Die Zweifel.
Die kleinen Erfolge.
Und die Entscheidung, trotzdem weiterzumachen.
Ich kenne eine Unternehmerin aus der Mode- und Textilbranche, die mich in diesem Zusammenhang immer wieder beeindruckt.
Meine Frau und ich haben sie vor einigen Jahren in Zermatt kennengelernt.
Sie hatte als Influencerin angefangen und betreibt heute eine Ladenkette in der Schweiz.
Was mich damals bereits beeindruckt hat, war nicht einfach ihre Sichtbarkeit oder ihr Erfolg.
Es war ihre Disziplin.
Ihre Kraft.
Ihre Konsequenz.
Denn hinter einer solchen Entwicklung steckt eben nicht nur eine gute Idee.
Nicht nur ein schönes Produkt.
Nicht nur Reichweite.
Und auch nicht nur der eine grosse Durchbruch.
Dahinter stehen unzählige Entscheidungen.
Viele Wiederholungen.
Rückschläge.
Arbeit.
Disziplin.
Und wahrscheinlich sehr viele Situationen, in denen sie ebenfalls lieber etwas anderes gemacht hätte.
Genau das interessiert mich.
Nicht nur:
"Schaut, was ich erreicht habe."
Sondern:
"Schaut, wie es sich anfühlt, es zu versuchen."
Denn Unternehmertum ist nicht jeden Tag gross.
Es ist meistens erstaunlich unspektakulär.
Eine Rechnung.
Ein Telefonat.
Eine E-Mail.
Ein Kundengespräch.
Eine Präsentation.
Ein Angebot.
Eine Buchhaltung.
Ein Prozess, den man verbessert.
Eine Aufgabe, die man wiederholt.
Und irgendwann kommt dann die Kür.
Der Kunde unterschreibt.
Der Auftrag kommt.
Das Geschäft ist abgeschlossen.
Und ja:
Das ist geil.
Aber es ist eben die Kirsche auf dem Kuchen.
Wenn ich nur noch auf die Kirsche aus bin, vergesse ich irgendwann den Kuchen.
Und ohne Kuchen gibt es keine Kirsche.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Entwicklungen, die man als Unternehmer durchmacht:
Am Anfang jagt man den Erfolg.
Dann jagt man die Abschlüsse.
Und irgendwann beginnt man zu verstehen, dass der Weg selbst ein Teil des Erfolges ist.
Dass die kleinen Dinge nicht lästig sind.
Sie sind das Fundament.
Und genau deshalb sind Pläne wichtig.
Nicht weil ein Plan immer perfekt funktioniert.
Sondern weil er mir eine Richtung gibt.
Und weil ich lernen muss, meinem eigenen Wort zu vertrauen.
Wenn ich mir heute vornehme, etwas zu erledigen, und es ohne wirklichen Grund immer wieder verschiebe, trainiere ich nicht Flexibilität.
Ich trainiere das Gegenteil.
Ich trainiere mich darauf, meine eigenen Vorgaben nicht ernst zu nehmen.
Einmal ist das kein Problem.
Beim zweiten Mal wahrscheinlich auch nicht.
Aber irgendwann wird daraus eine Gewohnheit.
Und Gewohnheiten sind mächtig.
Im Guten wie im Schlechten.
Deshalb sind die wiederkehrenden Arbeiten so wichtig.
Irgendwann möchte ich nicht mehr überlegen müssen, **ob** ich etwas mache.
Ich möchte einfach wissen:
Ich mache es.
Das ist für mich Disziplin.
Nicht ständig hart zu sich selbst zu sein.
Nicht sieben Tage die Woche durchzuarbeiten.
Nicht jede Minute zu optimieren.
Sondern die wichtigen Dinge so oft zu wiederholen, dass sie irgendwann selbstverständlich werden.
Und dann bleibt Energie für die Kür.
Für die grossen Ideen.
Für die grossen Abschlüsse.
Für das Geldverdienen.
Für die Kirsche.
15.35 Uhr
Der Artikel ist fertig.
Ich bin immer noch müde.
Und ich habe immer noch Lust, ein Buch zu lesen.
Am See.
In der Sonne.
Aber ich habe meinen Plan eingehalten.
Nicht, weil ich heute besonders motiviert war.
Sondern weil ich mir selbst zugesagt hatte, diese Aufgabe zu erledigen.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Gewohnheiten im Unternehmertum:
Nicht immer das zu tun, worauf man gerade Lust hat. Sondern das zu tun, was man sich vorgenommen hat.
Die Kür kommt später.
Der Abschluss.
Der Auftrag.
Der Erfolg.
Der Kick.
Aber bis dahin gibt es den Kuchen.
Und der muss gebacken werden.
Schritt für Schritt.
Tag für Tag.
Auch am Sonntag.
Und jetzt?
Jetzt klappe ich den Computer zu.
Die Sonne scheint immer noch.
Der See ist immer noch da.
Und mein Buch wartet.
15.35 Uhr.
Zeit, Feierabend zu machen.



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