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Der Unternehmer, das Chamäleon

Autorenbild: Robert Nef
Robert Nef
2. Sept.
4 Min. Lesezeit

Das Chamäleon. Es gehört zu den Reptilien und ist besonders auf dem afrikanischen Kontinent anzutreffen. Das Chamäleon ist ein äusserst erstauliches Tier. Zum Beispiel kann es seine Augen unabhängig voneinander ausrichten; das eine nach vorn und das andere nach hinten. Wenn es aber eine Beute sieht, fokussiert es sich beiden Augen darauf.


Doch etwas sehr viel Faszinierenderes als die Farbwechsel sind seine Bewegungen. Es bewegt sich langsam, manchmal unbeholfen. Es schwankt beim Gehen hin und her. Das Faszinierende daran ist, dass es nicht versucht, schneller zu gehen. Es passt sich seiner Umgebung an. Es wartet. Es beobachtet. Aber wenn es dann nötig ist, kann es blitzschnell zuschlagen.


Das Chamäleon ist wie ein Unternehmer. Idealerweise richtet auch er seine Augen nach vorne und nach hinten. Nur in eine Richtung zu schauen, lässt ihn das Ganze übersehen. Nur nach vorne zu schauen, versperrt ihm die Sicht auf das Gelebte und Gelernte. Und nur nach vorne zu schauen, lässt ihn träumen, ohne festes Fundament. Seine Erfahrung.


Vergangenheit und Zukunft legen das Fundament zum Entscheid
Die Sicht auf die Vergangenheit als Fundament, die Sicht in Zukunft als Ansporn

Die Parallele geht auch in Bezug auf die erwähnten Bewegungen. Auch ein Unternehmer scheint manchmal unbeholfen zu sein. So zumindest von aussen betrachtet. Jedoch macht es meistens durchaus Sinn, Tempo herauszunehmen und zu warten.


Und zu guter Letzt die Anpassungsfähigkeit. Ja. Ich weiss. Das Chamäleon verändert seine Farben hauptsächlich, um Signale auszusenden. Schon klar. Aber wenn ich diese Tatsache hervorhebe, geht der Vergleich nicht ganz auf... Darum: Farbwechsel.


Wenn sich das Chamäleon der Umgebung anpasst, wird es für den Betrachter nicht selten unsichtbar. Es passt sich eben an. Diese Fähigkeit ist ganz besonders auch bei Unternehmern ausgeprägt. Sie passen sich an, je nachdem, was auf sie zukommt. Zumindest sollten sie es tun, wenn sie nicht "gefressen" werden wollen.


Ich habe mich persönlich gefragt, ob ich die Tugenden und Fähigkeiten des Chamäleons so gut umgesetzt habe, wie ich es idealerweise beschrieben habe. Und, ganz ehrlich... Nein. Und jedes Mal, wenn ich den ganzheitlichen Blick verloren habe oder wenn ich mich durch zu offensichtliche Bewegungen bemerkbar gemacht habe, ging's schief. Manchmal konnte ich es wieder auffangen, jedoch in einer speziellen Situation musste ich das Handtuch werfen und nochmals von vorne beginnen.


Doch Schritt für Schritt.


Warum sind die Tugenden des ganzheitlichen Blicks und der Anpassungsfähigkeit denn so wichtig? Insbesondere als Unternehmer?


Der ganzheitliche Blick. Wir alle, ausnahmslos alle Menschen, tragen Erfahrungen mit uns, die uns prägen; ob gute oder schlechte. Und jeder von uns wird durch das Erlebte beeinflusst. Sieht man diese Erfahrungen nicht und nimmt sie nicht in Entscheidungen mit hinein, negiert man einen grossen Teil seines Selbst. Umgekehrt, wenn man sich nur auf seine vergangenen Erfahrungen stützt, sieht man nicht selten viele Hürden, basierend auf Erlebnisse, die einem zur Vorsicht mahnen.


Entscheidungen auf die Vergangenheit abzustützen hilft, wenn sie die Vision der Zukunft und das angedachte Ziel nicht ersticken. Dann sind sie sogar sehr förderlich. Entscheidungen nur auf Zukunftsaussichten zu stützen, lässt einen in der Regel unvorsichtig werden. Zu Letzterem gehöre ich dazu. Ich musste es auf die harte Tour lernen und hätte lieber ein Mal mehr einen Blick zurückgeworfen, als ich es tatsächlich getan habe... Bei mir hiess es irgendwann mal nicht mehr: "Ok. Falsch. Fange ich halt wieder an." Bei mir hiess es irgendwann mal: "Ok. Falsch. Jetzt ist alles weg. Und nun?"


Jede Handlung fängt mit einer Entscheidung an.


Die Anpassungsfähigkeit: DAS ist Unternehmertum. Jede Entscheidung muss Platz für Veränderungen haben. Ein Schiff, dass auf hoher See navigiert und einen Sturm aufkommen sieht, macht gut daran, Alternativen auszuloten, um diesen zu umfahren. Idealerweise... Das heisst nicht, dass der Kapitän, statt den Zielhafen im Blick zu haben, einfach irgendwo anders hinfährt. Der Kurs ist klar. Der Weg muss jedoch immer wieder Alternativen bereithalten.


Im Unternehmertum ist das nicht nur ähnlich, sondern genau gleich. Auch das beste Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt, wenn man den Kurs nicht anpasst. Wichtig ist, das Grosse und Ganze im Auge zu behalten. Und da kommt die Anpassungsfähigkeit.


Jetzt kommt ein Beispiel, bei dem der eine oder andere die Augen verdrehen wird... Ich mach's trotzdem. Nokia. Die Firma war auf eine Art festgefahren, dass eine Korrektur nicht mehr möglich war bis sie von Mitbewerbern nicht nur überholt, sondern schlicht und einfach ersetzt wurde. Sie haben's nicht kommen sehen. Und als sie den Kurs korrigieren wollten, war es zu spät. Was folgte, ist Geschichte.


Und vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion des Chamäleons.


Nicht möglichst schnell zu sein. Nicht ständig in Bewegung zu sein. Nicht immer sichtbar sein zu müssen.


Sondern zu wissen, wann man schauen, wann man warten und wann man handeln muss.

Nach vorne und nach hinten zu schauen. Das Erlebte nicht zu vergessen, ohne sich davon gefangen nehmen zu lassen. Eine klare Vorstellung davon zu haben, wohin man will, ohne zu glauben, dass der Weg dorthin bereits feststeht.


Und wenn sich die Umgebung verändert, nicht stur am einmal eingeschlagenen Weg festzuhalten. Sondern sich anzupassen.


Das klingt alles ziemlich einfach.


Ist es aber nicht.


Denn Anpassungsfähigkeit wird manchmal mit Beliebigkeit verwechselt. Wer seinen Kurs ändert, wirkt schnell unsicher. Wer wartet, wirkt zögerlich. Wer nicht sofort handelt, wirkt vielleicht sogar unbeholfen.


Das Chamäleon weiss es besser.


Es muss nicht jedem zeigen, dass es unterwegs ist. Es muss nur wissen, wann es sich bewegen muss.


Vielleicht ist das auch eine Form von Unternehmertum, die wir manchmal vergessen haben. Nicht jede Gelegenheit muss sofort ergriffen werden. Nicht jede Veränderung verlangt eine hektische Reaktion. Und nicht jede falsche Entscheidung ist das Ende.


Manchmal braucht es einfach den Blick zurück.

Manchmal den Blick nach vorne.

Und manchmal braucht es den Mut, für einen Moment stillzustehen und die Umgebung zu beobachten.


Bis der richtige Moment kommt.


Und dann?


Dann darf es plötzlich ganz schnell gehen.




 
 
 

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