Was bedeutet es, dranbleiben? Und was aufgeben?
- Robert Nef

- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Riesenthema! Ganze Bibliotheken wurden mit dem Thema gefüllt! Das ist ein sehr brisantes Thema, vor allem wenn Du Unternehmer bist. Wenn Deine Firma Dein eigentliches Vermögen ist. Wenn Du andere Menschen in Deiner Firma beschäftigst. Oder wenn Zuhause Menschen auf Dich zählen. Und das unabhängig davon, ob Du Unternehmer bist oder Angestellter.
Wenn ich übers Dranbleiben nachdenke, erkenne ich verschiedene Ebenen: Die äussere und die innere. Und weil ich kein Psychologe bin, will ich mich nicht auf diese Ebenen einlassen, sondern über meine Erlebnisse sprechen.
Vorweg: Mir war lange sehr wichtig, was andere Menschen über mich denken. Es verunsicherte mich beispielsweise sehr, wenn ich unberechtigte Kritik erfahren musste. Insbesondere dann, wenn sie nicht direkt an mich adressiert wurde, sondern ich diese Kritik über Drittpersonen erfahren musste. Das Gefühl, anderen zu genügen und zu gefallen, beeinflusste mich sehr lange. Bis zu dem Moment, als ich eine meiner Firmen verlor und damit all mein Vermögen. Spätestens dann war es mir egal, was die Menschen dachten. Ich hatte andere Herausforderungen zu bewältigen.
In erster Linie war es mir deswegen plötzlich egal, weil diese Menschen gar nicht mehr da waren. Sie waren plötzlich verschwunden. Einfach weg.
Nicht im Erfolg zeigt sich, wer Deine Freunde sind. Nein. In der Not. Im ersten Moment fühlte es sich an, als sei ich alleine. Ganz alleine. Doch schnell zeigt sich dann, dass dem nicht so ist. Es erschienen plötzlich Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mir beistehen würden.
Diese Phase meines persönlichen Unternehmertums war sehr schwierig. Alles einzusetzen, jeden Franken zu investieren und dann alles zu verlieren, war sehr hart.
Dranbleiben oder aufgeben? Das ist hier die Frage. Und Aufgeben hätte für mich bedeutet, endgültig alles verloren zu haben. Wie an der Börse. Wenn Du in Aktien investierst und der Markt plötzlich 30 oder 40 % korrigiert, hast Du die Wahl: Alles verkaufen und den Verlust realisieren oder die Situation aussitzen, vielleicht sogar nachschiessen, und diese Baisse aushalten. Denn sie ist nicht ewig.
Genau so erging es mir. Ich wollte unter keinen Umständen den Verlust realisieren, sondern dafür sorgen, dass ich den Verlust mit einer neuen Idee kompensieren konnte. Ohne Garantie auf Erfolg.
Also Dranbleiben.
Mein Antrieb war klar. Ich wollte alle meine Verluste kompensieren und ich war wild entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Ich passte das Geschäftsmodell an, ohne den Energiesektor zu verlassen. Vielmehr öffnete ich den Fächer, übernahm die gesunden Sparten, die gut funktionierten, passte den Firmenzweck an und fing von vorne nochmals an.
Das ist meine Geschichte. Und das ist meine Erfahrung. Aber jetzt...
Sollte denn jeder, basierend auf meiner Erfahrung, so handeln? Die Antwort ist ganz klar nein. Warum? Weil wir Menschen ganz unterschiedliche Geschichten mitbringen. Jeder Einzelne von uns hat sein eigenes Umfeld, seine eigene Familie, sein eigenes Zuhause. Keiner von uns ist gleich wie der andere. Anzunehmen, dass jeder in derselben Situation gleich handeln muss, ist falsch!
Die eine Variante, wie beschrieben, ist, dranzubleiben. Kann man machen. Muss man aber nicht. Nach dem beschriebenen Verlust hatte ich aus meiner Sicht gar keine andere Wahl, als weiterzumachen. Oder glaubt Ihr, ich hätte mich einfach bei einem Amt melden können, das mir geholfen hätte? Nein. Als Inhaber und Geschäftsführer einer Firma trägst Du die ganze Verantwortung. Und diese Verantwortung äussert sich so, dass Du im Sturm alleine steuern musst.
In einem anderen Kontext hätte ich vielleicht einen anderen Weg gewählt. Doch, ganz ehrlich, es ist müssig, darüber nachzudenken. Denn ich hab's so gemacht wie beschrieben.

Die andere Variante ist, aufzugeben. Ja. Du hast richtig gelesen. Aufgeben.
Aufgeben ist sehr viel schwieriger als allgemein angenommen. Aufgeben heisst, sich einzugestehen, dass man falsch lag. Und Aufgeben heisst, den Druck von aussen auszuhalten, die Meinung anderer zu ignorieren, die notabene meistens eingebildet ist, und einfach mal stehen zu bleiben. Das braucht Mut. Und das braucht sehr viel Kraft. Denn insbesondere eine Firma aufzugeben, heisst, sein Baby, seine Idee, seine Leidenschaft aufzugeben. Da gibt's kein "zur Tagesordnung übergehen". Und das verlangt grossen Respekt! Einen Respekt, der viel zu wenig gewürdigt wird. Wir alle schauen auf die Menschen, die nicht aufgegeben haben. Und ganz Wenige von denen haben es dann so richtig geschafft. Die wenigen, die es geschafft haben, machen einen winzigen Prozentsatz aus. Doch die, die aufgegeben haben, sind gezwungen, sich die Frage zu stellen: Was jetzt? Was mache ich nun, wenn ich nicht mehr an und in meiner Firma arbeiten kann? Wer bin ich denn?
Ich sehe es so: Wenn mein Leben aus vielen verschiedenen Dingen besteht - meine Familie, meine Freunde, Hobbies UND meine Firma - behaupte ich jetzt mal, dass viele Aspekte mein Leben definieren. Fällt einer der erwähnten Aspekte weg, geht das Leben weiter. Denn ich definiere mich nicht nur über eine Sache. Die anderen Aspekte fangen die fehlende auf.
Wenn mein Leben aber einzig und alleine meiner Firma gewidmet ist, dann bricht mein ganzes Leben zusammen, wenn sie weg ist. Und dann wird das Aufgeben fast unmöglich. Und wenn es dann doch passiert, bricht einfach alles zusammen!
Im Rückblick kann ich mit grosser Dankbarkeit behaupten, dass ich dank der Riesenunterstützung meiner Frau Isabel diese Situation überstanden habe. Ohne sie wäre ich daran zerbrochen. Mit Sicherheit. Darum möchte ich den Punkt unterstreichen, verschiedene Anker im Leben zu haben, nicht nur die eigene Firma. In einem Moment, in dem alles den Bach runtergeht, einem alles entgleitet und man nur noch Feuer löscht ohne Hoffnung auf Erfolg, ist es lebenswichtig, dass jemand da ist, der an einen selbst glaubt, der einen in die Arme nimmt und tröstet, der sich Zeit nimmt, hinsetzt und einfach mal zuhört.
Aus all dem, was Du nun gelesen hast, gibt es eine Antwort auf die Frage: Dranbleiben oder aufgeben? Sie lautet:
Du alleine kannst abschätzen, welchen Preis Du bezahlen möchtest. Die Entscheidung kann Dir niemand abnehmen. In dieser Entscheidung bist Du allein. Aber durch die Situation musst Du nicht zwingend alleine gehen.
Wenn Du genau jetzt in dieser Situation bist, denk daran, dass nichts ewig ist. Weder das Gute und insbesondere noch das Schlechte und Unangenehme. Auch das geht vorbei.



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