Ich musste Demut lernen
- Robert Nef

- 14. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Das ist ein Thema, dass mich sehr beschäftigt und mit Sicherheit mein grösster Lehrmeister war und ist. Ein schmerzliches Thema. Ein Thema, dass mich unzählige Male zwang, die Realität zu akzeptieren, so wie sie ist. Und nicht so wie ich sie mir zurechtgebogen habe.
Warum das so ist und warum mich Demut so geprägt hat, möchte ich nachfolgend näher erklären.
Nach 25 Jahren erfolgreicher Karriere in der Finanzindustrie, ging ich mit dem Gefühl in die Selbstständigkeit, dass alles so weiterlaufen würde wie bisher. Ich verhielt mich auch so. Sah mich sehr viel grösser als ich in Wahrheit war.
Unter der Obhut eines Arbeitgebers und wenn man einen entsprechenden Rang bekleidet, werden einem Türen schnell geöffnet. Der Rang oder die Position in einem Unternehmen sugeriert eine erfolgreiche Karriere und das Vertrauen, in seinem Gebiet Experte zu sein. Einem Direktor wird eher geglaubt als einem Angestellten. Nicht wahr?
Aber als junger Unternehmer fängst Du wieder ganz von vorne an. Hört sich logisch an. Für mich war das in den Anfängen nicht so.
Bei der Ansprache meiner ersten Zielkunden als Selbständiger hatte sich meine Position geändert. Ich hatte keinen Arbeitgeber mit grossem Namen im Rücken. Ich hatte keinen Erfahrungswert mit der neuen Firma. In diesem Kontext ist interessant, die andere Seite zu beleuchten. Meine definierte Zielkundschaft hatte diesen Arbeitgeber nach wie vor. Und mich zu empfangen, bedeutete plötzlich nicht mehr, Robert Nef, Director von XY, zu empfangen, sondern mit Robert Nef, Firmengründer, zu sprechen.
Wenn Demut sprechen könnte, hätte sie mir damals geraten, meine Position nicht zu überschätzen und die des Gegenübers zu honorieren. Nicht das ich das nach Aussen nicht getan hätte, nach Innen jedoch ganz sicher nicht.
Aber für den Zielkunden war ich nun Robert Nef. Nicht Vertreter einer grossen Firma.
Meine beschriebene Haltung hat mir in der Anfangsphase einige potenziell interessante Opportunitäten verschlossen.
Demut hätte mir auch erklärt, warum es wichtig ist, seine Bedürfnisse den Umständen anzupassen.
Mir war eine gepflegte Erscheinung immer sehr wichtig. Deshalb lies ich beispielsweise meine Schuhe und meine Anzüge massanfertigen. Und weil der Preis damals keine Rolle spielte, waren meine Anzüge entsprechend... wertvoll. Das zog sich in alle Belange meines Lebens. Und nur weil ich eine selbstständige Tätigkeit aufnahm, hörte ich damit nicht auf. Bald musste ich feststellen, dass dieser intensive Lebensstil nicht mehr tragbar war. Mich zu ändern und auf das Neuste zu verzichten, war sehr schwierig und es brauchte den einen oder anderen finanziellen Weckruf, um mich in die wirkliche Realität zurück zu bringen.

Heute schätze ich meine Anzüge nach wie vor sehr. Weil ich nie an der Qualität gesparrt habe, sind sie noch heute wunderschön. Und ich stelle heute fest, dass es auch anders geht. Wenn ich den Satz noch einmals aufnehmen darf "Der Zielkunde hat nun Robert Nef als Firmengründer empfangen" dann deshalb, weil ich aufzeigen möchte, wie sehr ich mich von einem Rädchen in einem grossen Räderwerk zu einem Unternehmer gewandelt habe, der seiner Firma und seinen Kunden die grösste Aufmerksamkeit schenkt.
In einem grossen Räderwerk wird einem Bedeutung zugeteilt, im Unternehmertum wird sie erarbeitet.
Insbesondere nachdem ich einen fatalen Fehlentscheid getroffen hatte (ganz ehrlich, es war eine ganze Verkettung von Fehlentscheiden...) und schiffbruch erlitt, stand ich vor einem Scherbenhaufen. Wieder anzufangen, und das tat ich, bedeutete plötzlich, mit dem Minimum klar zu kommen und Wege zu finden, buchstäblich aus dem Nichts etwas zu kreieren. Gerade in dieser Phase war Demut so wichtig für mich! Spätestens dann verstand ich, wo ich stand, wer ich bin und was ich kann. Dieser Neuanfang zwang mich regelrecht, meine Prioritäten auf das Wesentliche zu konzentrieren. So hart es war, so erfrischend war es auf der anderen Seite. In der ganzen Misere des Augenblicks wurden Dinge so viel klarer. Plötzlich begann ich zu verstehen, warum mir das passiert war. Und auch, wie es dazu gekommen war.
Wenn mich Demut etwas gelehrt hat, dann, dass ich mich nie überschätzen und andere nie unterschätzen darf. Ein Grundsatz der mich bis zum heutigen Tag begleitet und nach diesen Erlebnissen fest in meinem Herz verankert ist.



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